Samstag, 4. September 2021

Harry Potter und ich - Teil 1



csc - Das Interesse an den Büchern, Filmen und Games über den Zauberschüler Harry Potter, seine Freunde und das magische Internat Hogwarts ist ungebrochen. Gerade entdeckt wieder eine neue Generation von Kindern die Reihe für sich. Wir haben die Bände und Filme zwar alle mehrfach im Bestand, doch ist die Nachfrage erneut so hoch, dass Reservieren und Warten angesagt ist. 

Ich war bereits über 30, als das Phänomen Harry Potter in der Schweiz "einschlug" und habe es aus einer gewissen Distanz miterlebt. Bis heute bin ich Joanne K. Rowling dankbar dafür, in wie vielen jungen Menschen sie die Begeisterung für das Lesen geweckt hat und immer noch weckt.

Zwei meiner jüngeren Kolleginnen aus unserer Bibliothek haben sich bereit erklärt, ihre ganz persönliche Harry Potter Geschichte hier im Blog zu teilen. Mich persönlich haben diese beiden Beiträge tief berührt. Ist es nicht wunderbar, wie Geschichten Magie in unsere Leben bringen? Ich wünsche viel Spass bei der Lektüre!

Vera Probst schreibt:

Als ich zum ersten Mal von Harry Potter gehört habe, war ich 6 oder 7 Jahre alt. Es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein. Eine Freundin meiner ältesten Schwester hat die ersten drei Bücher verschlungen und sie ihr wärmstens empfohlen. Da mein Vater sehr gerne liest und nicht vor Kinder- und Jugendliteratur zurückschreckt, hat er die ersten drei Bände gleich gekauft, für meine Schwestern, aber auch für sich selbst. Ich war damals noch zu klein um ein ganzes Harry Potter Buch alleine zu lesen. Aber meine Schwestern haben mir «Der Stein der Weisen» vorgelesen. Zuhause in einem von unseren Zimmern, draussen im Garten, auf dem Nesselboden (die Sesselistation bevor man auf den Weissenstein kommt) und an vielen anderen Orten. Ich war sofort angefixt. Magische Welten, Zauberei, Halbriesen und böse britische Lehrer haben mich schon immer fasziniert.

Als dann Ende 2001 der erste Film erschien habe ich mich dazu entschlossen, das Buch vorher noch alleine zu lesen und so ging meine Reise los. Begeistert vom ersten Buch und Film habe ich bald darauf Band 2 («Die Kammer des Schreckens») und Band 3 («Der Gefangene von Askaban») inhaliert. «Der Gefangene von Askaban» hat es mir besonders angetan. Ich kann mich an viele schlaflose Nächte erinnern, lesen solange es nur geht, die Nachtischlampe mit der Decke umhüllen, damit meine Eltern das Licht nicht sehen, am nächsten Tag meiner Schulkollegin jedes Detail erzählen. Spätestens bei diesem Band wurde mir klar, dass «Harry Potter» eine ganz besondere Buchreihe ist. Auch deswegen ist Band 3 bis heute (fast) mein liebster Teil der Reihe.

Darauf folgte Band Nummer 4. Zu dem Zeitpunkt als ich «Der Feuerkelch» las, konnte ich mit den langsam erwachenden Pubertätshormonen der Protagonisten noch nicht viel anfangen, dafür aber umso mehr mit der Geschichte, die stetig düsterer und beklemmender wurde. 

Die «Harry Potter»-Reihe hat mich nicht nur magische Welten kennenlernen lassen und meine Liebe zum Lesen intensiviert. Nein, ich habe mit ihr auch (zum Teil) gelernt mit meiner Ungeduld umzugehen. Drei lange Jahre mussten wir auf Band 5 warten. DREI JAHRE. Heute wäre dies nicht unbedingt angenehm, jedoch nicht dramatisch. Aber als Kind vergeht die Zeit so elend langsam, dass ich gar nicht wusste was ich tun oder lesen sollte. «Harry Potter» hat nämlich auch viele Kinder- und Jugendbücher für mich uninteressant gemacht. Dieser Sog, diese Dringlichkeit und die Dramatik konnte ich in anderen Büchern nicht finden. 

2003 erschien dann endlich Band Nummer 5. Ich war 10 Jahre alt und es gab nur ein Exemplar von «Der Orden des Phoenix» bei uns zuhause. Nach vielen Diskussionen und kleineren Streitereien haben meine mittlere Schwester und ich ausgehandelt, dass wir das Buch irgendwie gleichzeitig lesen. Sobald die Eine das Buch hingelegt hat, kam die Andere angerannt um weiterzulesen und so weiter und so fort. Oft bin ich in der Nacht aufgewacht, weil sie sich in mein Zimmer geschlichen hat, um das Buch zu holen. 

Die Wartezeit zwischen Band 5 und Band 6 erschien mir dann zum Glück etwas kürzer. Dieses Mal dauerte es nur zwei Jahre und die Zeit habe ich damit verbracht die ersten 5 Bände noch einmal zu lesen. Ausserdem habe ich mich auch langsam wieder für andere Fantasy-Reihen interessiert (Danke, «Bartimäus»!). Gelitten habe ich nur, als mein Vater die englische Ausgabe von «Der Halbblutprinz» las und wir noch eine gefühlte Ewigkeit auf die deutsche Übersetzung warten mussten. Als der Band dann erschien, durfte ich ihn zuerst lesen. Nach ein paar Tagen war ich fertig und hatte meinen neuen und bis heute bestehenden Lieblingsband gefunden. Warum mir «Der Halbblutprinz» am besten gefällt, weiss ich auch jetzt noch nicht genau. Wahrscheinlich war ich einfach überglücklich, dass ich mehr über meinen Lieblingszaubertranklehrer erfahren durfte.

2007 war es dann soweit. Der letzte Band erschien. Gekauft haben wir ihn am Freitag um Mitternacht in der Buchhandlung Lüthy. Der Deal mit meiner Schwester war, dass sie das Buch am Sonntag bekommt, bis dann musste ich es lesen. Die 752 Seiten habe ich an diesem Wochenende erledigt. Und dann war es vorbei. Ich war 14 Jahre alt und meine Reise mit den Harry Potter Büchern war zu Ende.  Nie mehr würde ich einen neuen Band öffnen, nächtelang mit müden Augen weiter und weiter und weiterlesen, nie mehr aufgeregt warten oder die Monate, Wochen und Tage zählen bis ein neuer Band erscheint. Die Bücher waren ausgelesen, der Zauber vorbei und das Erwachsenenleben stand vor der Türe. 

Wenn ich jetzt an meine Vergangenheit mit «Harry Potter» zurückdenke, bin ich froh, dass ich auf einige Bänder so lange warten musste. Hätte es alle Bücher schon gegeben, als ich 10 Jahre alt war, hätte ich sie in einem Rutsch durchgelesen. Aber ich hatte Zeit zu wachsen, zu reflektieren, mich weiterzuentwickeln, ich konnte die schon gelesenen Bücher noch einmal in Ruhe lesen und so viel mehr entdecken. Ich konnte mir den Kopf zerbrechen und Theorien entwickeln, wie es in den nächsten Büchern weitergehen könnte. Und vor allen Dingen konnte ich mit meinen Lieblingsfiguren zusammen älter werden und ich glaube was Schöneres kann in der Kinder- und Jugendliteratur nicht passieren.

PS: Mit 24 Jahren habe ich während einer Autofahrt von Solothurn nach Berlin dann noch Band 8 gelesen. Aber jede Erinnerung an «Das verwunschene Kind» wird erfolgreich verdrängt. 

Vera Probst, Team Benutzung und Lektorate / Öffentlichkeitsarbeit / in Ausbildung zur Fachfrau I+D

Klein-Vera kurz vor dem Abflug
Foto privat


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